Monat: August 2019

Von Jessica J. Lee | Berlin Verlag

Mein Jahr im Wasser Tagebuch einer Schwimmerin


Kanada ist das Land der Wälder, Berge, zweier Meere und, klar, unzähliger Seen. Kein Wunder, dass die Kanadierin Jessica J. Lee Heimweh hat, als sie nach Berlin zieht, um ihre Doktorarbeit zu beenden. Häuser, Kopfsteinpflaster, pralles Leben, alles schön, aber wo ist die Weite, die Freiheit, die Lee für klares Denken braucht? Außerdem hat sie tiefen Liebeskummer und alles zusammen lässt sie in dunkle Löcher fallen. Also schwimmt sie, schwimmt für ihr Leben, für ihr Wohlbefinden, für eine Struktur im Tag, gegen das Alleinsein: schwimmt draußen in Seen, jeden Tag, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit – in allen, fast allen Seen Berlins und Brandenburgs. In klaren und in tiefen Gewässern, in Wasser, das weich ist und tröstet. In Seen, deren Algen über ihre Beine streichen – unheimlich. In der tiefblauen Havel, in geschichtsträchtigem Wasser, von dem es in Berlin so viel gibt. Sie zeltet an Familienseen und springt in einsame Gewässer, in denen sie sich trotzdem zu Hause fühlt. Sie schwimmt im Herbst, wenn die Luft schon kälter ist als das Wasser, im eiskalten Winter, wenn sie sich erst ein Loch ins Eis hacken muss. Danach reine Euphorie. Lee schwimmt sich frei. Auf dem Rücken paddelnd schaut sie in den Himmel, gewinnt Klarheit über Gedanken und Gefühle. Dabei gewinnt sie eine Unabhängigkeit und Stärke, für die ich sie bewundere. Ein Buch für leidenschaftliche Schwimmer und all diejenigen, die auch in Krisen ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. Auch davon erzählt dieses Buch: aufmerksam, inspirierend und ein wenig melancholisch. Mit Tipps und Karten zu 52 Berliner Seen. Das Buch erschien zuerst in England. Auf deutsch im Berlin Verlag.

Von Elizabeth H. Winthrop | C. H. Beck Verlag

„Mercy Seat“


Louisiana, 1943. Ein schwarzer Junge ist zum Tode verurteilt. Angeblich hat Will ein weißes Mädchen vergewaltigt. Er sagt, dass es nicht stimmt, sie haben sich geliebt. Das Mädchen kann dazu nichts mehr sagen. Sie hat sich am Tag, nachdem sie entdeckt wurden, erschossen. Ein Staatsanwalt, der erpresst wird, um das Urteil zu fällen. Seine Frau, die glaubt, dass es zutiefst Unrecht ist. Zwei Männer, die auf einem Truck den elektrischen Stuhl heran karren. Ein Vater, der einen Kredit für den Grabstein seines Sohnes aufnimmt, und ein Maultier, das zu alt ist, um diesen zu ziehen. Eine verblasene Tankstelle, flirrende Baumwollfelder, Häuser mit Veranda und Fliegentür. Südstaatenschwüle, Hass und Verachtung. Aber auch Elternliebe und Menschen mit riesengroßem Herz. Nell, die Will am Abend vor der Hinrichtung sein Wunschessen kocht. Ein Kind, das sich einem gewalttätigen Rassisten in den Weg stellt. Ein Pfarrer, der sich um verlassene Seelen kümmert, und selbst nicht mehr weiß, woran er glauben soll. Und ein Ehepaar, das nachts losfährt, um einem Fremden zu helfen, ohne zu ahnen, wohin sie das führt. Die Stadt brodelt, als der Abend der Hinrichtung naht. Das Buch ist so schmerzhaft, dass man beim Lesen zwischendurch stockt. Es ist so unglaublich gut geschrieben, dass man es trotzdem nicht aus der Hand legt. Bis zum Schluss hofft, dass ein Wunder geschieht. Elisabeth H. Winthrop wird mit William Faulkner verglichen. Mit „Mercy Seat“ hat sie ein Buch geschrieben, dass ich nie, nie wieder vergessen werde.