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Buch am Bodensee

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Ich hätte das Buch gerne in England am Meer gelesen, aber auch am Bodensee war es unglaublich gut. Bucky Bronco, ein abgehalfterter Soul-Star aus Chicago, dem das Leben übel mitgespielt hat, wird nach Scarborough, UK, auf ein Festival eingeladen. Dort soll er ein Comeback feiern, an das er selbst nicht glaubt. Seine Tüte mit Opioiden hat er im Flugzeug vergessen, es droht der kalte Entzug.
In Scarborough, das seine guten Zeiten auch schon hinter sich hat, riecht es nach Fish‘n‘Chips und Zuckerwatte. Das Hotel ist spooky, vor seinem Fenster kreischt eine hinterhältige Möwe und unten an der Steilküste nagt das Meer an der alten, sonderlichen Insel. Das kann was werden und das wird es auch. Denn in Scarborough wartet Dinah, die zwar ihr Leben an der Seite ihres Säufermannes nicht liebt, dafür aber das Baden in der kalten Nordsee – und Soul.
So kreuzen sich Buckys und ihre Wege in der spröden, windigen Stadt. Zwischen Pubs und Strand teilen sie ihre Gedanken über Trauer und Liebe, über Soul und das Leben, über Fehltritte und Süchte, über England und Amerika, über Hoffnung und Weitermachen, nein mehr als Weitermachen: die Möglichkeit, die es immer gibt, einen Neuanfang.
Das Buch ist null kitschig, aber voller tiefer Wahrheiten, es ist auch lustig. Ich weiß nicht, wie der britische Autor Benjamin Myers das macht, dass er wirklich allem Poesie und damit Sinn verleiht: noch den schmerzlichsten Abstürzen, Buckys alles verschlingender Trauer; Dinahs Kraft und wie sie tanzt. „Strandgut“ ist eine Liebeserklärung ans Leben mit all seinen Schwächen. Es ist voller Mitgefühl, Wärme und Zuneigung. Eine Hommage an seinen abgerockten Schauplatz Scarborough und damit ein England jenseits von Tweed. Und irgendwie ist es auch ein Märchen, das beim Lesen glücklich macht. Erschienen bei Dumont.