Von Carol Rifka Brunt | Eisele Verlag

Unter Bäumen lesen, am besten im Schatten „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“


June ist 14. Sie würde am liebsten im Mittelalter leben, interessiert sich nicht für ihre Klassenkameraden und liebt über alles ihren Onkel Finn. Doch Finn, ein erfolgreicher Maler in New York, hat Aids und wird bald sterben, das weiß June. Er malt ein letztes Porträt: von June, die er Krokodil nennt, und ihrer Schwester, damit er noch möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen kann. Als er stirbt, bricht für June die Welt zusammen. Sie zieht sich noch mehr von allem zurück, bis sie eines Tages ein Päckchen mit Finns wunderschöner, russischer Teekanne erhält. Denn Finn hatte ein Geheimnis. June wusste, dass er schwul war, aber nichts von seinem Freund Toby, der nun Kontakt zu ihr aufnimmt. Für ihre Eltern war er tabu, da sie ihn für Finns Krankheit verantwortlich machten. Wie sich die beiden Trauernden vorsichtig annähern, ist eine der zartesten Geschichten über Freundschaft, die ich seit langem gelesen habe. Eifersucht und Vertrauen. Konkurrenz, Verständnis, Hilfsbereitschaft, auch Intrige. Unterschiedliche Erinnerungen 🐘- alles, was eine komplexe Freundschaft ausmacht, erleben die beiden im Geheimen. Denn Junes Eltern würden ihr den Kontakt sofort verbieten. Natürlich kann das nicht lange gutgehen und bald steht für die ganze Familie alles auf dem Spiel: die richtigen Werte im Leben, Ehrlichkeit – und Liebe. Aber das Buch ist noch mehr: ein Porträt der 80er Jahre. Plötzlich ist alles wieder da: Schulterpolster, die Musik – und eine unheimliche Krankheit, von der niemand genau weiß, wie man sich ansteckt. Herzzerreißend, wie sich June dreimal gründlich die Haare wäscht, nachdem Finn ihr einen Kuss auf den Scheitel gehaucht hat.

Von Jessica J. Lee | Berlin Verlag

Mein Jahr im Wasser Tagebuch einer Schwimmerin


Kanada ist das Land der Wälder, Berge, zweier Meere und, klar, unzähliger Seen. Kein Wunder, dass die Kanadierin Jessica J. Lee Heimweh hat, als sie nach Berlin zieht, um ihre Doktorarbeit zu beenden. Häuser, Kopfsteinpflaster, pralles Leben, alles schön, aber wo ist die Weite, die Freiheit, die Lee für klares Denken braucht? Außerdem hat sie tiefen Liebeskummer und alles zusammen lässt sie in dunkle Löcher fallen. Also schwimmt sie, schwimmt für ihr Leben, für ihr Wohlbefinden, für eine Struktur im Tag, gegen das Alleinsein: schwimmt draußen in Seen, jeden Tag, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit – in allen, fast allen Seen Berlins und Brandenburgs. In klaren und in tiefen Gewässern, in Wasser, das weich ist und tröstet. In Seen, deren Algen über ihre Beine streichen – unheimlich. In der tiefblauen Havel, in geschichtsträchtigem Wasser, von dem es in Berlin so viel gibt. Sie zeltet an Familienseen und springt in einsame Gewässer, in denen sie sich trotzdem zu Hause fühlt. Sie schwimmt im Herbst, wenn die Luft schon kälter ist als das Wasser, im eiskalten Winter, wenn sie sich erst ein Loch ins Eis hacken muss. Danach reine Euphorie. Lee schwimmt sich frei. Auf dem Rücken paddelnd schaut sie in den Himmel, gewinnt Klarheit über Gedanken und Gefühle. Dabei gewinnt sie eine Unabhängigkeit und Stärke, für die ich sie bewundere. Ein Buch für leidenschaftliche Schwimmer und all diejenigen, die auch in Krisen ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. Auch davon erzählt dieses Buch: aufmerksam, inspirierend und ein wenig melancholisch. Mit Tipps und Karten zu 52 Berliner Seen. Das Buch erschien zuerst in England. Auf deutsch im Berlin Verlag.

Von Zsuzsa Bánk | S. Fischer Verlag

Unter Bäumen lesen – oder im Lieblingscafé „Schlafen werden wir später“

Zwei Freundinnen seit Kindheitstagen, die ihr Leben in zwei unterschiedliche Ecken Deutschlands geführt hat. Im Schwarzwald lebt Johanna, in einem Hexenhäuschen schreibt sie an ihrer Doktorarbeit und arbeitet als Lehrerin. Samstags hilft sie im „Verzauberten Garten“ und bindet die schönsten naturnahen Sträuße. Ihr Leben ruhig, ihr Innenleben reich. Die beste Freundin Mártha lebt in Frankfurt. Schriftstellerin, hektisches Großstadtleben, drei Kinder und nie genug Zeit um zu schreiben. Mit ihrem Mann liefert sie sich erbitterte Kämpfe, wer wann arbeiten darf. Lesereise, Kinder mit Grippe, chronische Geldknappheit, der Alltag scheint sie schier zu zerreißen. Die Freundinnen seit Ewigkeiten schreiben sich jeden Tag eine E-Mail, auch wenn sie noch so müde sind, denn „schlafen werden sie später“. Selten habe ich einen so ehrlichen, poetischen, sensiblen, empathischen Briefwechsel zwischen zwei Menschen gelesen. Was nicht alles passiert in ihrer beiden Leben: Freundschaften und Kinderlachen, große Lieben und bittere Trennungen, Sommer in Ungarn und Herbst am Bodensee. Verzweiflung und Glück. Sie tauschen sich über alles aus: Familie, Männer, Musik und Bücher, immer wieder Bücher. Ab und zu möchte man ihnen zurufen: Entspannt Euch auch mal, irgendwie wird das Leben schon klappen. Aber gleichzeitig weiß man, dass das heute nicht so einfach geht, wenn man versucht, das ganze pralle Leben unter einen Hut zu kriegen. Die große Herausforderung in jeder Familie. Die Angst, den eigenen Ansprüchen, den Kindern, dem Leben nicht gerecht zu werden. Das schöne Buch ist damit auch ein Spiegel unserer Zeit, jeder wird sich darin wiederfinden. Ich beschließe sofort, morgen meiner besten Freundin eine lange ausführliche E-Mail zu schreiben. Ein Hoch auf die Freundschaft!

Von Alan Rusbridger | Secession Verlag

Unter Bäumen lesen – und dabei Chopin hören „Play It Again“


Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten
Träumst Du auch davon, etwas Neues anzufange, und denkst immer, Du hast keine Zeit? Oder hast Du Sehnsucht, Dein liebstes Kindheitshobby wieder aufzunehmen und meinst, dafür sei es eh schon zu spät? Dann höre Chopin und lies dieses Buch. Alan Rusbridger @arusbridger nimmt uns mit auf eine außergewöhnliche musikalische Reise. Einmal im Jahr trifft sich der damalige Guardian-Chefredakteur mit Gleichgesinnten in Südfrankreich zu einem Klavierkurs. Allein das ist ein Traum. Auf dem Abschlusskonzert hört er Chopins Ballade Nr.1 in g-Moll, op. 23, dieses sagenhaft schöne, sagenhaft schwer zu spielende Klavierstück: Es entführt einen in andere Welten. Kaum wieder zuhause setzt sich Rusbridger an das Werk, das ihn von vorn bis hinten überfordert. Takt für Takt, manchmal Note für Note tastet er sich voran. Zeit hat er natürlich – eigentlich- auch nicht. Murdoch-Abhörskandal, WikiLeaks, kein Tag ist Ruhe. Aber: Jeden Morgen steht er früher auf, als er sonst müsste, spielt 20 Minuten Klavier und stimmt sich so auf seinen Tag ein. Auch der musikalische Laie erahnt den Reichtum dieser mal zarten, mal aufwühlenden Ballade. Welche Tonart, welcher Fingersatz und immer wieder die unspielbare Coda. Bemerkenswert uneitel schreibt Rusbridger vom Scheitern und immer wieder Weitermachen, denn er hat sich ein großes Ziel gesetzt: Nach einem Jahr möchte er vor seinen Freunden die Chopin-Ballade spielen. Längst ist es soweit, dass wir, die Leser, gleich morgen unser Instrument aus Kindertagen wieder hervorholen möchten. Einmal Gitarre im Quartett spielen, das wär‘s.

Von Robert Mcfarlane | Naturkunden Verlag

Unter Bäumen lesen „Karte der Wildnis“


Liebst Du es auch, draußen zu sein? Denkst Du oft daran, wie klar Luft riechen kann, z.B. in den Bergen? Dann lies‘ dieses Buch, es ist Balsam für die gehetzte Seele. „Wind zog auf, und ich beschloss, in den Wald zu gehen.“ So beginnt ein außergewöhnliches Buch von Robert Macfarlane @robgmacfarlane, der sich aufmacht, die wilden Ecken Großbritanniens zu entdecken, sie zu spüren mit jeder Faser seines Geists und Körpers. Er segelt zur entlegenen Insel Ynys Enlli und sucht sich im Dunklen einen Schlafplatz oberhalb der tosenden Brandung. Er durchwandert schottische Hochmoore und besteigt den abweisenden Ben Hope. Er folgt Habichten im Süden Englands, lauscht dem Wind, sammelt Steine am Strand und überlegt, wem er sie schenken kann. Macfarlane erzählt von den ersten Pilgern, die in der irischen Wildnis als Einsiedler lebten. Von Schneehasen und der Farbe ihres Fells. Selten habe ich einen Autor gelesen, der so kundig und gleichzeitig so poetisch über Natur schreibt: was sie mit ihm macht und vielleicht auch mit uns, wenn wir sie lassen. Der schreibt, wie sich das Licht im Wasser bricht, Wildnis auch hinterm eigenen Haus zu finden ist. Der bei mir die Sehnsucht weckt, sofort aufzubrechen und meine eigene Karte 🗺 der Wildnis zu suchen. Gleich morgen!
Schöner kann Nature Writing nicht sein.