Von Karen Köhler | Hanser Verlag

„Miroloi“


Die junge Frau ist ohne Namen aufgewachsen. Als Baby wurde sie in einer Pappschachtel vor die Stufen des Bethauses gelegt. Seitdem ist sie in dem Dorf auf einer einsamen Insel im Meer an allem Schuld, was schief geht. Frauen haben in dieser archaischen Gesellschaft sowieso keine Rechte, aber das Mädchen ohne Namen hat noch weniger als das. Wer sich nicht an die Regeln hält, dem droht nackte Gewalt.

Wer aus den Bergen runter ans Meer möchte, wird vom Wächter abgefangen und im Dorf an den Pfahl gestellt. Dort geschieht Schlimmeres. Auf den ersten Blick aber herrscht Dorfidyll. Es werden Oliven geerntet, in den Bergen duftet es nach wilden Kräutern, die Frauen backen gemeinsam Brot und unten schimmert dunkelblau das Meer.

Das Mädchen ohne Namen hat zwei sehnliche Wünsche. Es möchte wissen, wer seine Mutter ist und es möchte lesen lernen. Als ihr Ziehvater es ihr im Geheimen beibringt, eröffnet sich ihr eine neue Welt. Sie bricht aber nicht nur diese Regel, sondern sie verliebt sich auch. Ihr als Rechtlose steht das nicht zu, aber sie und ihr Geliebter übertreten das Verbot.

Eingebettet ist diese dramatische Geschichte in ein Inselidyll, eine griechische Insel, es ist nicht ganz klar, wann. Aber es ist gleichzeitig ein mythischer Ort, der überall sein könnte, wo die Stärkeren die absolute Macht über Schutzlose haben. Das war in grauer Vorzeit so und in vielen Teilen der Welt ist es immer noch so. Die Kapitel sind als Verse überschrieben, vielleicht eine Hommage an Homer, den Vater aller Epen, dessen Geschichten auf den griechischen Meeren spielen. Dieses Buch hat mich zum Weinen gebracht, das ist mir bisher nicht bei vielen Büchern passiert. Aber es ist auch ein Buch der Hoffnung, die Sprache von Karen Köhler ist stark und wunderschön. Die Ausstattung des Buchs ist eine Augenweide, preisgekrönt. Ich habe es nicht mehr aus der Hand gelegt.

Von Louise Penny | Kampa Verlag

„Wenn die Blätter sich rot färben“


Auf meinen Touren habe ich immer ein Buch im Rucksack. Heute: Wenn die Blätter sich rot färben. Ich liebe diese kanadische Krimireihe von Louise Penny. Weil ich großer Kanadafan bin; weil die Bücher in den Wäldern von Quebec spielen. Weil dort ein kleines Dorf liegt, Three Pines, und ich am liebsten dorthin ziehen würde. Weil die Charaktere umwerfend sind: eine verrückte Dichterin, Künstler, eine Buchhändlerin, Inspector Gamache natürlich und sein Assistent Beauvoir. Weil im Dorfbistro zwei Kamine knistern und ständig gekocht und gegessen wird. Weil die Wälder rot leuchten, nicht nur nachts undurchdringlich sind, und dort eine einsame Blockhütte steht. Gut, einen kaltblütigen Mord gibt es auch und wie es sich für einen raffinierten Krimi gehört, sind mehrere Dorfbewohner verdächtig. Ich habe das Buch bis tief in die Nächte verschlungen, jetzt freue ich mich schon auf den nächsten Band: Er erscheint Ende September @kampaverlag

Von Jessica J. Lee | Berlin Verlag

Mein Jahr im Wasser Tagebuch einer Schwimmerin


Kanada ist das Land der Wälder, Berge, zweier Meere und, klar, unzähliger Seen. Kein Wunder, dass die Kanadierin Jessica J. Lee Heimweh hat, als sie nach Berlin zieht, um ihre Doktorarbeit zu beenden. Häuser, Kopfsteinpflaster, pralles Leben, alles schön, aber wo ist die Weite, die Freiheit, die Lee für klares Denken braucht? Außerdem hat sie tiefen Liebeskummer und alles zusammen lässt sie in dunkle Löcher fallen. Also schwimmt sie, schwimmt für ihr Leben, für ihr Wohlbefinden, für eine Struktur im Tag, gegen das Alleinsein: schwimmt draußen in Seen, jeden Tag, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit – in allen, fast allen Seen Berlins und Brandenburgs. In klaren und in tiefen Gewässern, in Wasser, das weich ist und tröstet. In Seen, deren Algen über ihre Beine streichen – unheimlich. In der tiefblauen Havel, in geschichtsträchtigem Wasser, von dem es in Berlin so viel gibt. Sie zeltet an Familienseen und springt in einsame Gewässer, in denen sie sich trotzdem zu Hause fühlt. Sie schwimmt im Herbst, wenn die Luft schon kälter ist als das Wasser, im eiskalten Winter, wenn sie sich erst ein Loch ins Eis hacken muss. Danach reine Euphorie. Lee schwimmt sich frei. Auf dem Rücken paddelnd schaut sie in den Himmel, gewinnt Klarheit über Gedanken und Gefühle. Dabei gewinnt sie eine Unabhängigkeit und Stärke, für die ich sie bewundere. Ein Buch für leidenschaftliche Schwimmer und all diejenigen, die auch in Krisen ihr Leben in die eigenen Hände nehmen. Auch davon erzählt dieses Buch: aufmerksam, inspirierend und ein wenig melancholisch. Mit Tipps und Karten zu 52 Berliner Seen. Das Buch erschien zuerst in England. Auf deutsch im Berlin Verlag.

Von J. Courtney Sullivan | Ullstein Buchverlage

All die Jahre


Zwei ungleiche Schwestern wandern in den 1950er Jahren von Irland nach Boston aus und wissen nicht, ob sie ihre Heimat jemals wieder sehen werden. Gute Diskussion in unserem #buchclub über „All die Jahre“ von J. Courtney Sullivan. Über die Beziehung zwischen zwei ungleichen Schwestern und die Bigotterie in der katholischen Kirche. Darüber, dass eine einzige Lüge mehrere Leben zerstören kann. Über Mutterliebe und eine Flucht ins Kloster. Wie es ist, wenn ein Kind sich nicht zugehörig fühlt. Über eine irische Großfamilie in einer fremden Welt. Erwartungen, die ins Leere laufen, Verantwortung, die falsch verstanden wird und Liebe, die nicht gezeigt werden kann. Dass es, wenn man nicht aufpasst, für die Wahrheit irgendwann zu spät ist. Ein trauriges Buch, Gesprächsstoff für einen ganzen Abend. Die Umsetzung der komplexen Themen fanden wir allerdings zu lapidar, das Buch eher inhalts- als sprachlich getrieben. Was mir dabei einfällt: Der irische Autor #colmtoibin hat mit #brooklyn ebenfalls eine irische Einwanderungsgeschichte geschrieben. Diese ist wirklich sensationell, auch toll verfilmt, der Autor eine meiner Lieblingsentdeckungen der letzten Jahre. Auch unvergesslich: sein Buch #norawebster, die im völlig verarmten Irland kurz vor dem Bürgerkrieg allein ihre vier Kinder groß zieht und ihre große Liebe zur Musik entdeckt. Sullivan ist unterhaltsam, Toíbín ein großer Literat.

Von Jane Austen | S. Fischer Verlag

„Emma“


Ich denke immer noch über Emma nach. Erzählt das Buch mehr als von Teestunden, gegenseitigen Besuchen mit der Kutsche, herrschaftlichen Anwesen und Geplauder? Ja, das tut es. Es zeigt die Rolle der Frau, die in Emmas Gesellschaftsschicht, wenn auch privilegiert, nicht viel darf. Nicht studieren, nicht arbeiten, am besten nicht zu viel denken. Dafür: Klavier spielen, besser noch Harfe, sticken, zeichnen, heiter sein. Kein Wunder, dass die intelligente Emma unterfordert ist und viel Energie darauf verwendet, ihre Freundin unter die Haube zu bekommen. Denn einer unverheirateten Frau von Stand bleibt, wenn sie nicht vermögend ist, nur der Weg, Gouvernante zu werden. Kein Wunder, dass das große Ziel immer die Hochzeit ist. Nur bei Emma selbst nicht, sie ist reich genug und liebt ihre Unabhängigkeit. Für die damalige Zeit ganz außergewöhnlich. In dem Buch steckt daher viel: erste Emanzipationsschritte, klitzekleine, vorsichtige Öffnung der Klassenschranken, Einblicke in das unglaubliche, englische Gesellschaftsgespinst, Gespenst. Viel aus der Zeit steckt noch im England von heute, nicht nur der afternoon tea. Emma wächst einem trotz, vielleicht wegen ihrer Fehler, ans Herz. Sie ist liebenswert und selbstkritisch. Das Buch ist nicht umsonst ein Klassiker, die Sprache wunderschön, die Beobachtungen sind scharf, aber nie boshaft. In der englischen Landschaft wachsen Rosen und Obstbäume, sie ist grün und hügelig, ab und zu reitet jemand vorbei. Ich lese solche Bücher zwischendurch sehr gerne. Auf den ersten Blick nostalgisch, erzählen sie uns doch weit mehr, wenn man aufmerksam liest. Diese Ausgabe ist außerdem ein Schmuckstück, mit rosa Leinenrücken und grünem Schuber musste ich sie einfach haben. Dazu perfekt in Pastell das Kissen @larapintaliving

Von Heike Faller und Valerio Vidali | Kein & Aber

„Freunde was uns verbindet“


Das allerallerschönste Buch, das ich über Freundschaft kenne. So wahr und warmherzig, voll Lebensfreude und Humor, ab und zu eine kleine Prise Melancholie. Und so, so schön illustriert. Übers Gipfel stürmen und Nachmittage lange Teetrinken. Übers Weltentdecken und Nächte durchtanzen. Über Schwäche zeigen und Vertrauen. Ich habe sofort Sehnsucht nach meinen besten Freundinnen gekriegt. Miss you und danke für eure Freundschaft. Erschienen @keinundaberverlag . Falls ihr das Buch zu Ostern verschenken wollt, bestellt es bitte bei einer unabhängigen Buchhandlung wie @buchhandlung_hornbostel. Die süßen Osterhasen und die Tischdecke gibt’s bei @harry_and_sally.

Von Ulrich Schnabel | Blessing Verlag

„Muße“


Muße ist natürlich freiwillig schöner. Wir sind aus der Übung. Ich habe das Buch mal in einer sehr hektischen Zeit gelesen, es sehr gemocht und schon oft verschenkt. Der Autor Ulrich Schnabel definiert Muße als Tätigkeit, bei der man ganz bei sich ist und in dem Moment nichts anderes will. Das kann alles Mögliche sein: Musik hören, Blumen pflanzen, ein inspirierendes Gespräch, bei jedem ist es etwas anderes. Das Buch ist Null esoterisch, Schnabel ist Wissenschaftsautor und schreibt hervorragend. Er gibt Denkanstöße, die nachklingen. Mir hat das Buch damals gut getan. Habt ein schönes Wochenende. Und ihr wisst ja: Bücher wie dieses könnt ihr online bei eurer lokalen Buchhandlung bestellen.

Von Gabriele Tergit | Schöffling & Co

„Effingers“


Gedanken und Bücher mit den Menschen teilen, die Dir am Herzen liegen. Ich schicke die „Effingers“ an meine Eltern und freue mich auch schon selbst auf das Buch. Sie gelten als die jüdischen Buddenbrooks, spielen im Berlin der 20er Jahre, umspannen eine Familiengeschichte über vier Generationen, bis die Welt untergeht. Bestellt bitte bei eurer lokalen Buchhandlung, sie halten unsere Grundversorgung an Gedankenfutter aufrecht. Frühlingskissen @larapintaliving.

Von J. D. Vance | Harper

„Hillbilly Elegy“


Gewalt, Drogen, Kriminalität und ununterbrochenes Geschrei in der neighbourhood. Das ist die Welt im Rust Belt, in der J.D. Vance aufwächst. Seine Zuflucht ist seine Großmutter, ohne die es ihm vermutlich so gegangen wäre, wie vielen seiner Mitschüler. Kein Abschluss, lebenslange Hilfsjobs, wenn überhaupt. Das ist amerikanisches Prekariat, ohne Perspektive, ohne Ausbildung. Sie nennen sich Hillbillies. Der Autor übersteht die ständig wechselnden Männer seiner Mutter und schafft den Weg aus dem Sumpf. Er macht seinen Abschluss in Jura in Harvard und liefert eine messerscharfe Analyse dieses oft übersehenden Teils der amerikanischen Gesellschaft. Ich habe mich beim Lesen immer wieder dabei ertappt, dass ich dachte, die beschriebenen Menschen seien alle schwarz. Was für ein Klischee: Sie sind weiß und Hoffnung auf Eigenantrieb gibt es kaum. Vance ist natürlich das beste Gegenbeispiel. Er hat sich seinen amerikanischen Traum erfüllt. Er hatte eine stabile Bezugsperson, seine Mamaw, seine Großmutter. Ihr Porträt hat mich am meisten beeindruckt. Auch, dass Vance das Buch nicht von oben herab geschrieben hat, sondern voller Empathie. Er hat nie vergessen, wo er herkommt. Ein Buch für alle, die immer noch versuchen, die USA zu verstehen. Den Teil, den wir nicht im Blick haben, da er nicht in Kalifornien oder an der Ostküste liegt. Ein Schlüsselbuch fürs Wahljahr, good luck. Übrigens: Viele unabhängige Buchhandlungen liefern momentan versandkostenfrei, Lesekissen @larapintaliving .

Von Carol Rifka Brunt | Eisele Verlag

Unter Bäumen lesen, am besten im Schatten „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“


June ist 14. Sie würde am liebsten im Mittelalter leben, interessiert sich nicht für ihre Klassenkameraden und liebt über alles ihren Onkel Finn. Doch Finn, ein erfolgreicher Maler in New York, hat Aids und wird bald sterben, das weiß June. Er malt ein letztes Porträt: von June, die er Krokodil nennt, und ihrer Schwester, damit er noch möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen kann. Als er stirbt, bricht für June die Welt zusammen. Sie zieht sich noch mehr von allem zurück, bis sie eines Tages ein Päckchen mit Finns wunderschöner, russischer Teekanne erhält. Denn Finn hatte ein Geheimnis. June wusste, dass er schwul war, aber nichts von seinem Freund Toby, der nun Kontakt zu ihr aufnimmt. Für ihre Eltern war er tabu, da sie ihn für Finns Krankheit verantwortlich machten. Wie sich die beiden Trauernden vorsichtig annähern, ist eine der zartesten Geschichten über Freundschaft, die ich seit langem gelesen habe. Eifersucht und Vertrauen. Konkurrenz, Verständnis, Hilfsbereitschaft, auch Intrige. Unterschiedliche Erinnerungen 🐘- alles, was eine komplexe Freundschaft ausmacht, erleben die beiden im Geheimen. Denn Junes Eltern würden ihr den Kontakt sofort verbieten. Natürlich kann das nicht lange gutgehen und bald steht für die ganze Familie alles auf dem Spiel: die richtigen Werte im Leben, Ehrlichkeit – und Liebe. Aber das Buch ist noch mehr: ein Porträt der 80er Jahre. Plötzlich ist alles wieder da: Schulterpolster, die Musik – und eine unheimliche Krankheit, von der niemand genau weiß, wie man sich ansteckt. Herzzerreißend, wie sich June dreimal gründlich die Haare wäscht, nachdem Finn ihr einen Kuss auf den Scheitel gehaucht hat.

Von Angie Thomas | cbt Verlag

„The hate U give“


Was für eine Wucht, was für eine Geschichte. Starr lebt zwischen zwei Welten. Sie ist afroamerican und wohnt mit ihrer Familie in einem Viertel voller Gewalt, Drogen und krimineller Energie. Ihr Vater: ein geläuterter Drogendealer, der einen kleinen Lebensmittelladen betreibt, ihre Mutter: Krankenschwester. Sie wollen eine friedlichere Zukunft für ihre Tochter und schicken sie auf eine Privatschule in einem wohlhabenden Viertel. Dort hat Starr ihre Freundinnen, spielt Basketball, lebt ein ganz normales Highschool-Leben. Doch nachts schlagen in ihrer Nachbarschaft die Schüsse ein. Als ihr Jugendfreund Khalil von der Polizei erschossen wird, sitzt sie neben ihm im Auto. Danach gerät ihre Welt aus den Fugen. Das Buch hat mich sehr berührt. Wie Starrs Familie in ihrem Chaos-Viertel um Normalität kämpft. Wie sie versuchen, all der Gewalt und Verzweiflung die eigenen Werte entgegenzusetzen. Das ist bewundernswert, sie laufen nicht weg. Ein Buch wie ein wütender Rapsong, ein Mädchen, das mutig ist und für seinen toten Freund kämpft. Dabei um seine Identität ringt und seinen Platz in der Welt. Eine Familie, die Gewalt und Ungerechtigkeit die Stirn bietet, als alles längst aus dem Ruder läuft. Ein authentisches Buch mit eigener Stimme, in dem ein Rap-Song eine wichtige Rolle spielt: The Hate U Give. Der Hass, den man gibt, kommt immer zurück. Er kann daher nicht die Lösung sein. Angie Thomas hat für ihr Buch den deutschen Jugendliteraturpreis bekommen. Lest es und legt es danach euren Kindern auf den Tisch.

Von Colson Whitehead | Hanser Verlag

„Underground Rail Road“


Nach den Nickel Boys von Colson Whitehead hätte ich gewappnet sein müssen. Doch auch Underground Railroad, für das er den Pulitzerpreis bekam, hat mich in meine Träume verfolgt – einfach weil es wirklich so war. Die Sklavin Cora lebt auf einer Plantage, die die Hölle ist. Mit einem Gefährten wagt sie die Flucht, im Norden soll es Freiheit geben. Doch Flucht ist in einer Gesellschaft nicht vorgesehen, in der Sklaven grauenvoll gequält werden, ihr Leben nichts zählt, sie schuften müssen, bis sie tot umfallen. Ein Sklavenjäger heftet sich an ihre Fersen.
Als Leser liest man atemlos, weiß man doch, dass man sich bei Colson Whitehead nicht darauf verlassen kann, dass eine Geschichte gut ausgeht. Aber es gibt auch Engel und Helden: Die Underground Railroad, ein Netzwerk, das Sklaven auf ihrer Flucht in den Norden half, existierte wirklich. Whitehead verlegt sie buchstäblich unter die Erde. Ein fantastischer Kunstgriff, eine surreale Allegorie und wie gut geschrieben! Und trotzdem immer wieder: Sobald ein bisschen Hoffnung keimt, sind die Brandschatzer nicht weit.
Zum Thema passt Quentin Tarantinos genialer Film Django Unchained. Dort erhält ein befreiter Sklave den Nachnamen Freeman. Ein Allerweltsname, aber jetzt weiß ich, woher er kommt. Ein düsteres Kapitel amerikanischer Geschichte, mit Folgen bis heute, jeden Tag.

Von Michael Williams | Carlsen Verlag

„Der Tag der Krokodile“


Wie ihr wisst, lese ich zwischendurch auch gerne Jugendbücher. Dies ist eins, an das ich zwischendurch immer mal wieder denke, das ich extra aufgehoben habe, damit mein Sohn es lesen konnte, als er alt genug dafür war. Der Stoff ist hart, aber realistisch. Nur durch Zufall entkommen die Geschwister Jabu und Innocent, als ihr Dorf in Simbabwe von marodierenden Soldaten dem Erdboden gleichgemacht wird. Sie fliehen mit nicht viel mehr dabei als ihrem Fußball. Um nach Südafrika zu gelangen, müssen sie über den großen Strom Limpopo, in dem Krokodile leben. Aber am anderen Ufer sind sie alles andere als willkommen. Ihr Überlebenskampf geht dort weiter. Ich liebe dieses Buch, auch wenn es zwischendurch tieftraurig ist. Es ist ein Buch über Mut und Verzweiflung, die tiefe Liebe zwischen zwei Brüdern, über Afrika. Denn was wir in Europa so gerne vergessen: Millionen Menschen sind dort innerhalb ihres Kontinents auf der Flucht. Ich verrate natürlich nicht, wie das Buch endet. Nur so viel: Es geht um Fußball, kleine Glücksmomente, wenn eine zusammengewürfelte Truppe aus Gestrandeten auf einem staubigen Dorfplatz kickt. Es geht um das Schnüffeln von Klebstoff, aber auch um unendliche Tapferkeit. Vor allem aber um den Traum der Regenbogen-Nation, dass nur ein Land, in dem alle Völker zusammenhalten, etwas Großes schaffen kann. Und nur eine Fußballmannschaft, in der gemeinsames Spielen wichtiger ist als woher Du kommst, hat auf der Obdachlosen-WM eine Chance. Das Buch ist beeindruckend gut geschrieben. Mein Sohn, ein großer Fußball-Fan, hat es in einem Rutsch gelesen. Und weiß jetzt, dass Afrika nicht nur der Erdteil ist, auf dem Löwen leben. Erschienen @carlsenverlag. Das wunderschöne Kissen, auf dem ich das Buch fotografiert habe, ist übrigens von @larapintaliving.

Von Hanna Jansen | Peter Hammer Verlag

„Herzsteine“


Noch ein Liebling-Jugendbuch über Afrika, diesmal über Ruanda. Eines Tages lässt Fe ihren deutschen Mann und ihr gemeinsames Kind auf Sylt zurück und geht zurück in ihre Heimat Ruanda. Ein halbes Jahr später besuchen ihr Mann und ihr Sohn sie dort. Der 16-jährige Sam versucht zu verstehen, warum seine Mutter lieber in einer Hütte mit festgestampftem Lehmboden lebt als bei ihnen in Deutschland. Er beginnt zu ahnen, dass in Ruanda etwas passiert ist, das sich nicht so leicht in Worte fassen lässt. Alles ist anders, das Licht, die Gerüche, es ist aufregend. Ein gleichaltriger Ruander nimmt ihn mit auf den pulsierenden Markt in Kigali, gemeinsam gehen sie in die Disco. Zusammen mit seiner Mutter fährt er aufs Land in das Dorf, aus dem ihre Familie stammt. Dort bekommt er eine Kuh geschenkt. Er besucht Gisozi, die Erinnerungsstätte an den Völkermord. Langsam versteht er, dass die Geschichte Ruandas etwas mit dem Leben seiner Mutter heute zu tun hat. Und langsam kommt er seinen eigenen Wurzeln näher. Das alles ist aus Sicht von Sam geschrieben, lakonisch, treffsicher, mit scharfer Beobachtungsgabe. Aber auch die tastenden Gedanken der Mutter sind eingestreut. Wie ist es, wenn die eigene Mutter aus einer komplett anderen Welt stammt? Sie manche Dinge nie erzählen kann und wird? Dieses Buch lässt manches in der Schwebe, es zieht einen rein in das Land mit den vielen Hügeln, berührt mit einer ganz besonderen Familiengeschichte. Schön beim Lesen: Das handbemalte Kissen ist wieder von @larapintaliving.

Holly Goldberg Sloan und Meg Wolitzer | Carl Hanser Verlag

Braucht ihr noch ein Blitzgeschenk für eure Kinder? „An Nachteule von Sternhai“


Here we go: Die Väter von Bett sind Avery haben sich ineinander verliebt. Der eine wohnt in Kalifornien, der andere in New York. Jetzt wollen sie, dass ihre zwölfjährigen Töchter dicke Freundinnen werden und melden sie für den Sommer zum gemeinsamen Summercamp an. Das sehen die beiden aber überhaupt nicht ein. In einem regen Emailverkehr beteuern sie sich gegenseitig, dass sie alles andere vorhaben, als sich anzufreunden. Ihr Plan fürs Summercamp: einfach nicht miteinander reden. Da hilft es, dass sie obendrein unterschiedlicher nicht sein könnten. Draufgängerin, die das Meer liebt und gerne aus der Reihe tanzt, meets Leseratte, die die sich über alles Sorgen macht, Wassersport hasst, und im entscheidenden Moment weit über sich hinaus wächst. Vor allem aber wollen beide ihren Dad ganz für sich allein. Ein intelligentes, warmherziges Jugendbuch, das mit viel Humor zeigt, dass es verschiedene Arten von großartigen Familien gibt. Auch wenn sie manchmal nicht auf Anhieb funktionieren. Sich bei eigenwilligen Teenagern nicht von den Eltern verordnen lassen. Eine ebenso liebevolle wie skurrile Eigendynamik entwickeln. Und zum Schluss eh alles anders kommt als geplant.

Von John Lanchester | Klett-Cotta Verlag

„Die Mauer“


Es ist eiskalt auf der Mauer, die ganz Großbritannien umzieht, trostlos und grau. Sie ist der einsamste Ort der Welt, trutzig, so gut wie unüberwindbar. Ein Wall gegen die Fremden, die vom Meer her kommen, weil ihre Länder unbewohnbar sind. Sie kommen nachts, in undurchdringlichem Nebel, sie haben nichts mehr zu verlieren. Joseph Kavanagh tritt wie jeder Schulabgänger der Insel seinen zweijährigen Dienst auf der Mauer an. Viele überleben ihn nicht. Unterkühlung, die Attacken der Fremden und für jeden Eindringling, der es über die Mauer schafft, werden sechs Verteidiger aufs Meer verbannt – für immer. Nüchtern, rau und gerade dadurch poetisch beschreibt Autor John Lancaster das Endzeitszenario. Was können die Menschen dieser Düsternis entgegen setzen? Joseph lernt Hifa auf der Mauer kennen. Ein Lichtblick, ein bisschen menschliche Wärme. Aber beide wissen, dass jederzeit ein Angriff droht. Das Buch ist grausam und hat mich lange beschäftigt. Eine Dystopie, aber um sie weit weg in die ferne Zukunft zu schieben, ist sie zu nah an uns dran. Die Mauer soll nicht nur die Fremden abhalten, sondern auch das Meer, das unaufhaltsam steigt. Vom Land aus kann man es nicht mehr sehen. Wenn die Menschen Sehnsucht danach haben, schauen sie sich Surffilme aus längst vergangenen Zeiten an. Das Schicksal einer abgeschotteten Insel als Symbol für den ganzen Westen? Diese Lesart liegt nahe, zum Nachdenken bringt sie allemal. Das Buch ist gnadenlos, dabei nervenzerfetzend spannend und hervorragend geschrieben. Ich habe es nicht mehr aus der Hand gelegt. Erschienen @klettcottaverlag .

Von Colson Whitehead | Übersetzt von xxxx | Hanser Verlag

Die Nickel Boys


Was passiert, wenn eine Gruppe absolute Macht über eine andere hat, läuft nach grausamen Mechanismen ab. Die Starken nehmen den Schwachen ihre Würde, zerbrechen sie. Ohne einen Funken schlechten Gewissen, im selbstzufrieden Bewusstsein, einer überlegenen Rasse anzugehören. Diese Mechanismen wirken heute wie damals. In geschlossenen Gesellschaften ohne Kontrolle tun sich Abgründe auf. Das war in Abu Graib so und viele Missbrauchsskandale laufen nach demselben Muster ab. Die Opfer verstummen und von den Folgen erholen sie sich ihr ganzes Leben nicht, wenn sie überhaupt überleben. Elwood fragt in der Anstaltsschule nach besseren Büchern. Dann greift er ein, um einen Streit zu schlichten. Fatale Fehler. Es gibt ein weißes Haus, in dem gemaßregelt wird, wie zu alten Zeiten der Sklaverei.

Der Leser bleibt verstört zurück. Auch weil die Geschichte bis in die Gegenwart wirkt. Junge Schwarze mit Hoodie fallen einem ein, die auf Asphalt liegen. Ein anderes großartiges Buch, The Hate U Give, von Angie Thomas, hat uns diese aktuelle Welt beschrieben. Man fragt sich, wie sich eine Gesellschaft überhaupt von solchen Wunden erholen kann. Die Nickel Boys geben ihre eigene Antwort. 

Von Louise Penny | Kampa Verlag

„Auf einem einsamen Weg“


Wochenende, Herbst und Lesen. Das kanadische Dorf Three Pines ist dafür das schönste Krimi-Setting, das man sich vorstellen kann. Niemand schließt sein Haus ab, Nachbarn schneien kurz auf eine Tasse Tee rein, Stauden blühen in den Gärten. Inspektor Gamache hat dort in den leuchtenden Wäldern sein Wochenendhaus. In Montreal wütet ein Drogenkartell, das einen neuen, tödlichen Stoff auf die Straße bringt. Gamache ermittelt in einem Wettlauf auf Leben und Tod. Aber auch die Dorfidylle ist vor Mord nicht sicher. Trotzdem möchte man sofort dorthin ziehen, Kürbiskuchen backen und Teil dieser außergewöhnlichen Dorfgemeinschaft sein. Irgendjemand hat mal gesagt, die Bücher von Louise Penny inspirieren uns dazu, herzlicher zu unseren Mitmenschen zu sein. Und das stimmt, denn ein loyales Miteinander fängt ja wirklich immer bei einem selber an.

Von Elizabeth H. Winthrop | C. H. Beck Verlag

„Mercy Seat“


Louisiana, 1943. Ein schwarzer Junge ist zum Tode verurteilt. Angeblich hat Will ein weißes Mädchen vergewaltigt. Er sagt, dass es nicht stimmt, sie haben sich geliebt. Das Mädchen kann dazu nichts mehr sagen. Sie hat sich am Tag, nachdem sie entdeckt wurden, erschossen. Ein Staatsanwalt, der erpresst wird, um das Urteil zu fällen. Seine Frau, die glaubt, dass es zutiefst Unrecht ist. Zwei Männer, die auf einem Truck den elektrischen Stuhl heran karren. Ein Vater, der einen Kredit für den Grabstein seines Sohnes aufnimmt, und ein Maultier, das zu alt ist, um diesen zu ziehen. Eine verblasene Tankstelle, flirrende Baumwollfelder, Häuser mit Veranda und Fliegentür. Südstaatenschwüle, Hass und Verachtung. Aber auch Elternliebe und Menschen mit riesengroßem Herz. Nell, die Will am Abend vor der Hinrichtung sein Wunschessen kocht. Ein Kind, das sich einem gewalttätigen Rassisten in den Weg stellt. Ein Pfarrer, der sich um verlassene Seelen kümmert, und selbst nicht mehr weiß, woran er glauben soll. Und ein Ehepaar, das nachts losfährt, um einem Fremden zu helfen, ohne zu ahnen, wohin sie das führt. Die Stadt brodelt, als der Abend der Hinrichtung naht. Das Buch ist so schmerzhaft, dass man beim Lesen zwischendurch stockt. Es ist so unglaublich gut geschrieben, dass man es trotzdem nicht aus der Hand legt. Bis zum Schluss hofft, dass ein Wunder geschieht. Elisabeth H. Winthrop wird mit William Faulkner verglichen. Mit „Mercy Seat“ hat sie ein Buch geschrieben, dass ich nie, nie wieder vergessen werde.

Von Zsuzsa Bánk | S. Fischer Verlag

Unter Bäumen lesen – oder im Lieblingscafé „Schlafen werden wir später“

Zwei Freundinnen seit Kindheitstagen, die ihr Leben in zwei unterschiedliche Ecken Deutschlands geführt hat. Im Schwarzwald lebt Johanna, in einem Hexenhäuschen schreibt sie an ihrer Doktorarbeit und arbeitet als Lehrerin. Samstags hilft sie im „Verzauberten Garten“ und bindet die schönsten naturnahen Sträuße. Ihr Leben ruhig, ihr Innenleben reich. Die beste Freundin Mártha lebt in Frankfurt. Schriftstellerin, hektisches Großstadtleben, drei Kinder und nie genug Zeit um zu schreiben. Mit ihrem Mann liefert sie sich erbitterte Kämpfe, wer wann arbeiten darf. Lesereise, Kinder mit Grippe, chronische Geldknappheit, der Alltag scheint sie schier zu zerreißen. Die Freundinnen seit Ewigkeiten schreiben sich jeden Tag eine E-Mail, auch wenn sie noch so müde sind, denn „schlafen werden sie später“. Selten habe ich einen so ehrlichen, poetischen, sensiblen, empathischen Briefwechsel zwischen zwei Menschen gelesen. Was nicht alles passiert in ihrer beiden Leben: Freundschaften und Kinderlachen, große Lieben und bittere Trennungen, Sommer in Ungarn und Herbst am Bodensee. Verzweiflung und Glück. Sie tauschen sich über alles aus: Familie, Männer, Musik und Bücher, immer wieder Bücher. Ab und zu möchte man ihnen zurufen: Entspannt Euch auch mal, irgendwie wird das Leben schon klappen. Aber gleichzeitig weiß man, dass das heute nicht so einfach geht, wenn man versucht, das ganze pralle Leben unter einen Hut zu kriegen. Die große Herausforderung in jeder Familie. Die Angst, den eigenen Ansprüchen, den Kindern, dem Leben nicht gerecht zu werden. Das schöne Buch ist damit auch ein Spiegel unserer Zeit, jeder wird sich darin wiederfinden. Ich beschließe sofort, morgen meiner besten Freundin eine lange ausführliche E-Mail zu schreiben. Ein Hoch auf die Freundschaft!

Von Alan Rusbridger | Secession Verlag

Unter Bäumen lesen – und dabei Chopin hören „Play It Again“


Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten
Träumst Du auch davon, etwas Neues anzufange, und denkst immer, Du hast keine Zeit? Oder hast Du Sehnsucht, Dein liebstes Kindheitshobby wieder aufzunehmen und meinst, dafür sei es eh schon zu spät? Dann höre Chopin und lies dieses Buch. Alan Rusbridger @arusbridger nimmt uns mit auf eine außergewöhnliche musikalische Reise. Einmal im Jahr trifft sich der damalige Guardian-Chefredakteur mit Gleichgesinnten in Südfrankreich zu einem Klavierkurs. Allein das ist ein Traum. Auf dem Abschlusskonzert hört er Chopins Ballade Nr.1 in g-Moll, op. 23, dieses sagenhaft schöne, sagenhaft schwer zu spielende Klavierstück: Es entführt einen in andere Welten. Kaum wieder zuhause setzt sich Rusbridger an das Werk, das ihn von vorn bis hinten überfordert. Takt für Takt, manchmal Note für Note tastet er sich voran. Zeit hat er natürlich – eigentlich- auch nicht. Murdoch-Abhörskandal, WikiLeaks, kein Tag ist Ruhe. Aber: Jeden Morgen steht er früher auf, als er sonst müsste, spielt 20 Minuten Klavier und stimmt sich so auf seinen Tag ein. Auch der musikalische Laie erahnt den Reichtum dieser mal zarten, mal aufwühlenden Ballade. Welche Tonart, welcher Fingersatz und immer wieder die unspielbare Coda. Bemerkenswert uneitel schreibt Rusbridger vom Scheitern und immer wieder Weitermachen, denn er hat sich ein großes Ziel gesetzt: Nach einem Jahr möchte er vor seinen Freunden die Chopin-Ballade spielen. Längst ist es soweit, dass wir, die Leser, gleich morgen unser Instrument aus Kindertagen wieder hervorholen möchten. Einmal Gitarre im Quartett spielen, das wär‘s.

Von Robert Mcfarlane | Naturkunden Verlag

Unter Bäumen lesen „Karte der Wildnis“


Liebst Du es auch, draußen zu sein? Denkst Du oft daran, wie klar Luft riechen kann, z.B. in den Bergen? Dann lies‘ dieses Buch, es ist Balsam für die gehetzte Seele. „Wind zog auf, und ich beschloss, in den Wald zu gehen.“ So beginnt ein außergewöhnliches Buch von Robert Macfarlane @robgmacfarlane, der sich aufmacht, die wilden Ecken Großbritanniens zu entdecken, sie zu spüren mit jeder Faser seines Geists und Körpers. Er segelt zur entlegenen Insel Ynys Enlli und sucht sich im Dunklen einen Schlafplatz oberhalb der tosenden Brandung. Er durchwandert schottische Hochmoore und besteigt den abweisenden Ben Hope. Er folgt Habichten im Süden Englands, lauscht dem Wind, sammelt Steine am Strand und überlegt, wem er sie schenken kann. Macfarlane erzählt von den ersten Pilgern, die in der irischen Wildnis als Einsiedler lebten. Von Schneehasen und der Farbe ihres Fells. Selten habe ich einen Autor gelesen, der so kundig und gleichzeitig so poetisch über Natur schreibt: was sie mit ihm macht und vielleicht auch mit uns, wenn wir sie lassen. Der schreibt, wie sich das Licht im Wasser bricht, Wildnis auch hinterm eigenen Haus zu finden ist. Der bei mir die Sehnsucht weckt, sofort aufzubrechen und meine eigene Karte 🗺 der Wildnis zu suchen. Gleich morgen!
Schöner kann Nature Writing nicht sein.