Von Francesca Melandri | Wagenbach Verlag

Lektüre im Schnee „Alle, außer mir“


Ein Buch über Italien und Äthiopien. Über Kolonialismus und Rom. Über drei Familien und einen schillernden Patriarchen. Über Flüchtlinge und ihre Odyssee durch die Wüste. Es geht um die Geschichte Äthiopiens, über die wir so wenig wissen. Um Italien zwischen den Weltkriegen. Um Kaiser und Kommunisten, Faschisten und ihre Schergen. Korruption und Moral, Liebe und Loyalität. Darum, dass nie etwas eindeutig schwarz oder weiß ist. Und alles beginnt, als eines Tages die römische Lehrerin Ilaria nach Hause kommt und vor ihrer Tür ein junger Äthiopier sitzt. Er behauptet, der Enkel ihres Vaters zu sein. Sie macht sich auf die Suche nach dem verborgenen Teil ihrer Familiengeschichte und kann kaum glauben, was sie entdeckt. Eine Geschichte, die exemplarisch für all die Länder steht, die in Afrika Kolonien hatten. Dort so geherrscht haben, dass man es beim Lesen manchmal kaum ertragen kann. Die Autorin Francesca Melandri holt diese Geschichte nach Europa, verwebt sie in eine großartige Saga, an deren Ende zwei Dinge klar sind: Niemand verlässt freiwillig für immer seine Heimat. Und die Geschichte holt einen immer wieder ein. Große Literatur lässt einen die Welt mit anderen Augen sehen. Das ist hier so.

Von Mathijs Deen | Mareverlag

Lesen im Schnee „Unter Menschen“


Junger Bauer mit 80 ha am Deich sucht Frau. Frau aus der Stadt sucht Haus am Meer. Er findet, dass sie zu viel redet und alles unnötig kompliziert macht. Sie schreibt eine lange Liste mit Bedingungen, damit sie bleibt. Jan ist das Meer egal, es war halt immer schon da. Er interessiert sich für seine Kartoffeln, aber im Winter ist es ihm zu still. Sie, Will, steigt jeden Tag auf den Deich und atmet das Meer und die Weite ein. Sie probieren es. Das Buch ist ein psychologisches Porträt von zwei eigensinnigen Seelen. Von zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, beide so verletzlich und ehrlich, dass es beim Lesen manchmal weh tut. Der Schauplatz ist gigantisch. Ein alter Hof, drumherum – nichts. Nein, das stimmt nicht, denn die Natur ist großartig. Einmal zieht eine Windhose vorbei, ein anderes Mal lässt eine Springflut die Nordsee bis zum Deich steigen, und einmal liegt Schnee bis zum Horizont. Das Ganze ist so gut geschrieben, dass man sich morgens schon darauf freut, später am Tag weiterzulesen. Wer die Marsch kennt, riecht die salzige Luft. Wer sie noch nicht kennt, möchte danach hin.